24.11.2015 Unmenschliche Abschiebungen – Bricht die Landesregierung ihr Wort?

Am 23.10.2015 sagte Frau Ministerpräsidentin Kraft nach dem dritten nordrhein-westfälischen Flüchtlingsgipfel: „Ich kann nicht eine Familie unangekündigt nachts aus dem Bett holen. Die Kinder haben gar nicht mehr die Möglichkeit, sich von ihren Klassenkameraden zu verabschieden oder auch in der Kita noch Tschüss zu sagen.“

Herr Innenminister Jäger bekräftigte diese Haltung einen Tag später im Deutschlandfunk mit den Worten: „Was wir in Nordrhein-Westfalen nicht tun werden, ist in den frühen Morgenstunden plötzlich bei irgendeiner Familie aufzutauchen, die Kinder aus dem Bett zu zerren und dann eine Abschiebung durchzuführen.“
Die katholische Pfarrgemeinde Heilig Kreuz aus Ibbenbüren berichtet auf ihrer Webseite dagegen von einem Vorfall, bei dem eine albanische Familie mitsamt ihrer Kinder im Alter zwischen ein bis zwölf Jahren überraschend in der Nach abgeholt wurde.
Dies sei in der Nacht vom 9. auf den 10. November geschehen –
also drei Tage nachdem das Schreiben des Innenministeriums „Beschleunigung der Asylverfahren / Informationen zum Vollzug der
Ausreisepflicht“ an die Bezirksregierungen ging.
Nach dem Bericht hatten die Kinder so keine Möglichkeit mehr, sich von KlassenkameradInnen und FreundInnen zu verabschieden. Der Vater hätte mit der Abschiebung nicht gerechnet.
Die Familie hätte nur „auf die Schnelle unter Druck das Nötigste zusammenpacken“ können. „Ohne einen Cent Bargeld in der Tasche.“
Die Gemeinde beschreibt das Gefühl auf ihrer Webseite als „fast so schlimm, als hätte ein Anschlag diese Familie ausgelöscht.“ und weiter: „Warum gelten hier nicht die Versprechen / Vereinbarungen
die Frau Ministerpräsidentin Hannelore Kraft für von Abschiebung bedrohten Familien in NRW gemacht hat?“
Das Nachrichtenportal derwesten.de berichtete am 17. November über eine Pressekonferenz der Stadt Bochum. Bis zu 800 Abschiebungen bei „Nacht und Nebel ständen in der Stadt an. Das Bochumer Newsblog bo-alternativ berichtet weiter: „Stadtdirektor Michael Townsend teilte mit: Anders als Ministerpräsidentin Hannelore Kraft es angekündigt hat, sollen auch weiterhin Menschen gewaltsam „bei Nacht und Nebel” aus Bochum abtransportiert werden. Die Termine für die Abschiebeflüge würden von der zentralen Ausländerbehörde in Bielefeld gemacht – wenn Flüge morgens stattfinden, werde man die
Be troffenen weiterhin unangekündigt nachts in ihren Unterkünften aufgreifen. Die Stadt wolle die Presse jetzt schon darauf vorbereiten, dass es dabei auch zu „unschönen Situationen“ kommen werde.“
In einem Interview mit dem Magazin „Der Stern“ berichtet Klaus Borghorst von der Gewerkschaft der Polizei, dass es „jetzt jeden Monat bis zu sieben Sammelflügen“ ab dem Flughafen Düsseldorf International gäbe. Bei Personen, die sich widersetzen würden, würde der „Body Cuff“ gezeigt. Das sei ein Gurtsystem, mit dem man die Bewegungsfreiheit von Armen und Beinen stark einengen kann. Herr Borghorst führt aus: „Wenn sich jemand stark widersetzt, tragen wir ihn damit auch ins Flugzeug, wir ziehen das durch.“
Vor diesem Hintergrund frage ich die Landesregierung:
1.Trifft die Darstellung der katholischen Pfarrgemeinde Heilig Kreuz aus Ibbenbüren bzgl. der Umstände der Abschiebung der albanischen Familie B. in der Nacht vom 9. auf den 10. November 2015 zu, insbesondere was die Uhrzeit und die Überraschung der
Familie betrifft?
2.Wie bewertet die Landesregierung die Aussage des Bochumer Stadtdirektors, dass es – entgegen der Ankündigung von Ministerpräsidentin Kraft – nächtliche Abschiebungen
auch von Familien geben solle und es dabei auch zu „unschönen Situationen“ kommen könne?
3. Wie genau will die Landesregierung ihr Wort einhalten, dass Kinder nicht aus dem Bett gezerrt werden, wenn von Seiten der Ausländerbehörden in NRW immer wieder angegeben wird, dass sie dazu gezwungen seien, weil die Flüge schon am frühen Morgen
stattfinden würden?
4. In wie vielen Fällen wurde der „Body Cuff“ in den Jahren seit 2012 eingesetzt? Bitte nach Jahren aufschlüsseln.
5. Welche Art von Übergangshilfen, finanzieller und sonstiger Art, erhalten abgeschobene Personen um zu verhindern, dass sie unmittelbar nach der Abschiebung in eine existentielle Notlage geraten?

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